Die Bundesliga-Bubbles: Warum deutsche Klubs beim Einkauf immer häufiger auf denselben fünf Ligen fischen
Eine neue Datenanalyse der Transferbewegungen der vergangenen drei Jahre offenbart ein besorgniserregendes Muster: Bundesliga-Vereine kaufen ihre Neuzugänge mit wachsender Einseitigkeit aus denselben fünf Ligen ein. 78 Prozent aller Transfers über zehn Millionen Euro stammten 2025 aus Premier League, LaLiga, Serie A, Ligue 1 oder anderen Bundesliga-Klubs. Ein Tunnelblick, der deutsche Klubs nicht nur Millionen kostet, sondern auch echte Perlen übersehen lässt.
Der Teufelskreis des Mainstream-Scoutings
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während Bayern München in den vergangenen zwei Transferfenstern ausschließlich aus den europäischen Topligen rekrutierte, wagten sich nur Bayer Leverkusen und RB Leipzig regelmäßig in unkonventionelle Märkte vor. Das Resultat? Leverkusens Erfolg mit Spielern wie Grimaldo (ablösefrei aus Benfica) oder Leipzigs Coup mit Xavi Simons (Leihe aus PSG) zeigen, wie profitabel der Blick über den Tellerrand sein kann.
Photo: Bayer Leverkusen, via b04-ep-media-prod.azureedge.net
Doch die Mehrheit der deutschen Klubs bleibt bei bekannten Pfaden. "Wir schauen natürlich auch in andere Märkte, aber die Risikobewertung ist bei etablierten Ligen einfacher", erklärt ein anonymer Sportdirektor eines Bundesliga-Klubs. Diese Denkweise führt zu einem Teufelskreis: Je mehr deutsche Vereine auf denselben Märkten fischen, desto teurer werden die Spieler dort – und desto weniger Aufmerksamkeit bekommen vielversprechende Alternativen.
Die übersehenen Goldgruben
Ein Blick auf die Transferstatistiken zeigt das Ausmaß der verpassten Chancen. Aus der niederländischen Eredivisie wechselten 2025 lediglich drei Spieler direkt in die Bundesliga – dabei produzierten Ajax, PSV und Feyenoord in den vergangenen Jahren konstant Champions-League-taugliche Talente. Noch eklatanter: Aus der gesamten südamerikanischen Liga stammte nur ein einziger Bundesliga-Neuzugang über fünf Millionen Euro.
"Die portugiesische Liga ist ein Paradebeispiel für einen unterschätzten Markt", analysiert Transferexperte Dr. Michael Reschke. "Benfica, Porto und Sporting entwickeln seit Jahren Weltklasse-Spieler, aber deutsche Klubs greifen erst zu, wenn diese bereits in England oder Spanien gelandet sind – zum dreifachen Preis."
Die Eredivisie bietet ähnliche Schnäppchen: Während Manchester United 85 Millionen Euro für Antony zahlte, hätte Ajax den Brasilianer ein Jahr zuvor für 25 Millionen abgegeben. Kein deutscher Klub zeigte ernsthaftes Interesse.
Leverkusen und Leipzig als Vorreiter
Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso demonstriert eindrucksvoll, wie erfolgreich unkonventionelles Scouting sein kann. Der Werksklub holte in den vergangenen zwei Jahren gezielt Spieler aus "Nischenmärkten": Álex Grimaldo ablösefrei aus Portugal, Odilon Kossounou für 25 Millionen aus Belgien, und Amine Adli für moderate 12 Millionen aus der Ligue 2.
RB Leipzig verfolgt eine ähnliche Strategie und profitiert dabei von seinem internationalen Netzwerk. "Wir schauen bewusst dorthin, wo andere nicht hinschauen", erklärt Leipzigs Sportdirektor Marcel Schäfer. "Die großen Talente gibt es überall – man muss nur bereit sein, sie zu finden."
Die Erfolgsgeschichten beider Vereine zeigen: Wer mutig in unerschlossene Märkte investiert, kann nicht nur sportlich, sondern auch wirtschaftlich profitieren. Grimaldo ist heute mindestens 40 Millionen Euro wert – Leverkusen zahlte null.
Die strukturellen Ursachen
Warum aber bleiben die meisten deutschen Klubs in ihrer Komfortzone? Die Gründe sind vielschichtig. Erstens fehlt vielen Vereinen das internationale Scouting-Netzwerk für exotische Märkte. Zweitens scheuen Sportdirektoren das Risiko, da unbekannte Transfers schwerer zu rechtfertigen sind, wenn sie scheitern.
"Wenn du einen Spieler aus der Premier League holst und er floppt, war es wenigstens ein nachvollziehbarer Fehler", erklärt ein ehemaliger Bundesliga-Scout. "Holst du einen Unbekannten aus Südamerika und er versagt, giltst du als Hasardeur."
Drittens spielen auch die Medien eine Rolle: Transfers aus bekannten Ligen generieren mehr Aufmerksamkeit und verkaufen mehr Dauerkarten. Ein Neuzugang aus der argentinischen Liga muss erst beweisen, dass er die Investition wert war.
Die finanziellen Konsequenzen
Die Fixierung auf etablierte Märkte kostet deutsche Klubs Millionen. Während ein durchschnittlicher Bundesliga-Profi aus der Premier League 2025 etwa 28 Millionen Euro kostete, lag der Schnitt für Transfers aus der Eredivisie bei nur zwölf Millionen – bei vergleichbarer Qualität.
Besonders bitter: Deutsche Vereine zahlen oft für Spieler, die sie Jahre zuvor für einen Bruchteil hätten haben können. Dayot Upamecano wechselte 2021 für 42,5 Millionen von Leipzig zu Bayern – RB hatte ihn 2017 für 10 Millionen aus Salzburg geholt.
Der Ausblick: Umdenken oder Abhängen?
Die Bundesliga steht vor einer Weichenstellung. Entweder deutsche Klubs erweitern ihren Scouting-Horizont und investieren in unkonventionelle Märkte, oder sie werden zunehmend zu Abnehmern überteuerte Spieler aus den etablierten Ligen.
Erste Anzeichen für ein Umdenken gibt es bereits: Eintracht Frankfurt verstärkt sein Südamerika-Scouting, der VfB Stuttgart schaut verstärkt nach Osteuropa. Doch die Zeit drängt – denn auch andere europäische Ligen haben das Potenzial unerschlossener Märkte erkannt.
Die Bundesliga muss lernen, dass die besten Geschäfte nicht in den Schlagzeilen stehen, sondern in den Nischen entstehen – bevor es andere tun.
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